„Papst gedenkt Ermordung der Juden“

steht im Titel dieses Artikels. Natürlich gedenkt er nicht allen ermordeten Juden, sondern nur denjenigen, die im Zuge des Nationalsozialismus verblendeten Hohlköpfen, die in typisch deutschem Kadavergehorsam agierten, zum Opfer fielen. Die Morde durch Christen verschweigt er natürlich, aber das war ja zu erwarten. Auch nicht überraschen konnte er mit seiner „Erinnerung“ an die angeblich christlichen Wurzeln Europas.

«Europa kann und darf seine christlichen Wurzeln nicht verleugnen. Sie sind ein Ferment unserer Zivilisation auf dem Weg ins Dritte Jahrtausend», sagte der Papst vor Bundespräsident Heinz Fischer und zahlreichen österreichischen Diplomaten

Welche christlichen Wurzeln denn? Das Christentum wurde durch Missionare nach Europa getragen. Vorher beherbergte dieser Kontinent, diverse Heidentümer und davor die verschiedenen Megalithkulturen, welche nichts mit dem Chrsitentum zu schaffen hatten.

Auch das Gefasel vom Christentum als Wurzel der Zivilisation ist dreist gelogen oder zumindest reiner Unfug. Unsere Zivilisation entstand erst wirklich durch die Aufklärung, der Stärkung von Wissenschaft und politischem Freiheitsgedanke auf Kosten der Religion, die sich beiden Ideen seit jeher in den Weg stellt. Die Menschenrechte, die Demokratie und die Technologie, die drei Stützsäulen des europäischen Hochmuts gegenüber „weniger zivilisierten“ Regionen, wären ohne, dass sich die Gesellschaft größtenteils von der christlichen Kirche losgesagt hatte, nie entstanden, beziehungsweise wiederentdeckt worden. Nicht umsonst nennt man die Zeit unseres Kontinents, in der die Kirche die größte Macht innehatte, das dunkle Mittelalter.

In Zeiten, in denen der Papst diesen geistigen Dünnschiss, der wahrscheinlich so manchen Dummschwätzer von der „christlichen/deutschen Leitkultur“ in seinem verkorksten Weltbild bestätigen wird, ablaichen kann, ohne sein Ansehen als moralische Autorität zu verlieren, ist dringend eine nochmalige Aufklärung von Nöten, bevor wieder Menschen auf Scheiterhaufen landen.

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4 Antworten to “„Papst gedenkt Ermordung der Juden“”

  1. Sebastian Says:

    Drei Dinge sollte man allerdings bedenken:
    1. Warum kam es gerade im christlichen Europa zu einem Phänomen wie der Aufklärung – und sonst nirgends? Das hat durchaus etwas mit der Vorstellungen von der prinzipiellen Freiheit und Würde des Menschen zu tun wie sie im Christentum implementiert sind (auch wenn die Kirche in ihrer Geschichte ganz sicher nicht immer danach gehandelt hat).
    2. Wenn man von den „Wurzeln Europas“ redet, dann redet man von den geistigen Wurzeln des heutigen Europa; das hat nicht zwingend immer etwas mit Geographie zu tun – und unter diesem Blickwinkel haben die Geistesgeschichte Europas in den letzten 2000 Jahren sicher zwei Quellen herausragend geprägt: die griechische Philosophie und die jüdisch-christliche Tradition.
    3. Das „dunkle Mittelalter“ ist eine Erfindung der Humanisten im 16./17. Jh., die sich auf die Antike zurückbezogen und die Zeit zwischen der Antike und ihrer eigenen als absolute Niedergangsphase darstellen wollten. Nun sind die mittelalterlichen Jahrhunderte sicher nicht die Ausgeburt an geistigen Höhenflügen gewesen – aber: sie waren auch nicht in jeder Hinsicht dunkel. Die Menschen konnten vielleicht nur zu geringen Teilen lesen (wie übrigens auch in der Antike) hatten aber dennoch ein ausgeklügeltes System symbolischer Kommunikation, es gab im MA kaum Kriege mit vielen Opfern (große Schlachten usw. sind eine Art der Kriegsführung, die es erst wieder in der Frühen Neuzeit aufkam), die Bauern waren zumeist freier als von 16. bis ins 19. Jh. (nicht umsonst fanden die großen Bauernaufstände im 16. Jh. statt und vorher nie) usw. Kein Historiker würde daher heute mehr guten Gewissens vom „dunklen Mittelalter“ sprechen.

  2. Sebastian Says:

    Noch ein kleiner Nachtrag: Die mittelalterlichen Jahrhunderte vor dem 11. Jh. waren durchaus nicht von einer mächtigen Kirche geprägt. Zwischen etwa dem 6. und dem 11. Jh. gab es vielmehr eine ganze Reihe nebeneinander existierenden Landeskirchen, in denen der weltliche Herrscher die kirchlichen Strukturen als Herrschaftsinstrument genutzt hat; der Papst spielte kaum eine Rolle, da er entweder Richtung Byzanz orientiert war oder, später, unter der starken Einfluss von römischen Adeligen und Kaisern stand. Erst mit dem Investiturstreit hat sich das in gewisser Weise gedreht. Und wo wurden denn die antiken Geistesschätze in Europa zu dieser Zeit überwiegend aufbewahrt? Es waren die Klöster. Auf diesen Schatz konnten die Humanisten aber auch große christliche Gelehrte wie Thomas von Aquin später zurückgreifen. Der Transfer antiker Gelehrsamkeit über den Umweg Islam (auch eine Religion!) spielte demgegenüber zwar eine wichtige, aber nur eine sekundäre Rolle.

  3. kurokasai Says:

    Es kam nicht nur im christlichen Europa zu einer Aufklärung, sondern auch im islamischen Kulturkreis, der sich zu der Zeit seiner Aufklärung durch wissenschaftliche Entdeckung und eine weite Liberalisierung des Glaubens und der Gesellschaft, die den Stand von unsereins heute teilweise übertrifft. In weiteren Kulturkreisen kam es nicht zu derart starken Veränderungen in vergleichsweise kurzer Zeit, allerdings waren die meisten dieser Kulturen ab einem besimmten Maße auch nicht so sehr einer Aufklärung bedürftig, wie eine Gesellschaft, die durch eine abrahamitische Religion dominiert wird. Dass man aus der Bibel alle möglichen Ideologien herauslesen kann (Sozialismus wie Faschismus, gegenseitigen Respekt wei gegenseitigen Hass), ändert nichts an der Verhaltensweise der Vertreter dieser Religion.
    Man kann nur von Europa als Gebiet ausgehen, da es ein Kontinent ist, kein Staat, nicht eine Kultur oder Gesellschaft sondern eine Landmasse, die an Asien hängt. Europa ist nun mal ein geographischer Begriff, weswegen kulturelle Wurzeln in Europa nur eben auf Basis der Geographie erörtert werden können. Das mag völlig sinnlos sein, weil die Megalithkulturen keinen leicht ersichtlichen Einfluss auf unsere Kulturen haben, doch ist das Einzige, was man ohne Geschichtsfälschung betreiben kann.
    Im Mittelalter war vielleicht nicht alles schlecht, in der DDR auch nicht, trotzdem würde ich in beiden Systemen keinesfalls leben wollen. Feudalsystem, Monarchie, kaum bis gar keine Wissenschaft, die die Lebensqualität anheben hgätte können, eine primitive Kunst und mieses Essen sind nicht gerade Attribute einer Zeitm, die man als metaphorische hell betrachtet.
    Die Wahrscheinlichkeit eines Aufstandes hängt an drei Faktoren: Der Lebensqualität der Potenziellen Aufständischen, der Möglichkeit durch den Unterdrücker einen Aufstand zu verhindern und der Philosophie, die einen Aufstand propagiert (Anarchismus beispielsweise). Daher kan es sein, dass die Lebensbedingungen im 16. Jahrhundert gesunken sind odervor dem 19. Jahrhundert die Zwingherren die Aufstände im Keim erstickt haben oder die Bauern noch keine heistige Grundlage zum Aufbegehren hatten.
    Ob sich nun eine große oder viele kleine Kirchen gegen eine lebenswerte Kultur gestellt ahtten ist für den Betroffenen eher unbedeutend. Nach dem Investiturstreit begann ja wie du selbst sagtest eine zentrale mächtige Kirche in Europa Fuß zu fassen.
    Dass es gerade die Klöster waren, die die letzten wissenschaftlichen Schriften bewahrten, lässt sich nicht wirklich als Argument für die Wissenschaftsfreundlichkeit des real existierenden Chrsitentum gebrauchen. Zwar konnten viele Gelehrte (übrigens würde ich nicht mit Thomas „Die Frau ist ein Mißgriff der Natur“ von Aquin argumentieren) durch die Bewahrung antiker Schriften und das Abschreiben selbiger durch die Mönche einen nicht zu unterschätzenden Wissensgewinn erringen, nur wäre der bedeutend größer ausgefallen, wenn diese Arbeit von Leuten erledigt worden wäre, die nicht so verantwortungslos waren wie die Ordensbrüder. Viele Schriften bezüglich der attischen Demokratie wurden nicht abgeschrieben, weswegen wir heute über kaum positive Texte zu dieser Staatsform verfügen und ein Mathematikwerk wurde zugunsten einer anderen Schrift überschrieben. Hätten die Wissenschaftler der Aufklärung dieses Werk schon damals bessenen wären wir heiter womöglich ein, zweo Jahrhunderte in der technologischen Entwicklung weiter.
    Nein, Nein, das Mittelalter ist für mich eine Realdystopie und die Dominanz der Gesellschaft durch die Kirche(n) mach ich dafür verantwortlich.

  4. Shinobi No 5 Says:

    Sehr nette Antwort Kuro, auf gut gemeinte Einwände. Nun, wie es auch immer gewesen sein mag‘, wie finster das Mittelalter nun wirklich war, wie stark die kirchliche Repression seiner Zeit griff, mich interessiert weniger, wie förderlich oder beschränkend die Religion war, sondern allein, dass eine Starke Tendenz in Richtung wissenschaftlicher, philosophischer, künstlerischer und gesellschaftlicher Stagnation beinhaltet. Ob nun Christentum, Islam oder sonst noch irgenetwas! Sicher, es mag‘ die Architektur, es mag‘ die Lehre von Gott (also Märchenerzählungen), es mag‘ auch die Musik und die weiterhin bildende Kunst in gewissen Rahmen vorangetrieben haben, aber immer nur im Kontraste Gottes und der Religion. Es galt in der Kunst beispielsweise eben nicht der Liebe des Individuums, sich auszudrücken, sondern einzig ‚Gott‘ auszudrücken, das Dogma farbig und nett zu gestalten, damit man viel darauf halten kann. „Wenn es so viel Aufbau gibt, dann muss es doch gut sein!“ Sicher, ich kann auch ein Urinal in den schönsten Farben gestalten, es ist doch immer noch nur für die Notdurft und nicht zum daraus Speisen da! Das Christentum setzt Gott und Christliche Werte über alles, setzt die Erkenntnis maximal um der Erkenntnis Gottes Willen an, aber nie, aus dem wirklichen Interesse und der Notdurft, etwas Neues, Besseres zu schaffen. Sicher, es mögen teilweise auch Mönche gute Wissenschaftler gewesen sein, aber das, was sie wirklich geschaffen haben, was uns vorangebracht hat, das entstand außerhalb der Glaubensdoktrin und ohne sie wäre dem Fortschritt sicher eher Rechnung getragen worden. Ich brauche wohl nicht die Inquistion als altes Beispiel und den Kreationismus als neues Beispiel heranzuziehen, um die lähmende Wirkung der christlichen Religion anzuführen. Sicher, es mag jemand sagen, dies wäre nicht im wahren Sinne Gottes, aber wie bereits Erwähnt, es dreht sich eben doch alles um den Sinn Gottes! Und sicherlich ist aus dem Christentum als allein ‚geistige‘ Instanz Kultur hervorgegangen, Kultur, die sich keiner geographischen Grenze zu unterwerfen hat, wie sich auch schon die Kelten kulturell und weniger ethnisch aus dem Gebiet Böhmens über halb Europa ausbreiten konnten. Doch ist für mich fraghaft, in wie weit ich mich über diesen Teil der Kultur so aufbäumen müsste. Wenn er keinen mehr interessiert, ist’s doch in Ordnung, dann solle er wegfallen. Ich suche mir meine Kultur unabhängig von meinen Vorfahren und Gott, sondern allein von meinem Nutzen und Gefallen daran!

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