Kulturkämpfer Stoiber

Der bayerische Problembär will den Muslimen klarmachen, wer aus seiner Sicht in diesem Staat die Herrenmenschen sind. Daher will er unbedingt sicher gestellt sehen, dass Moscheen keinesfalls größer werden, als Kathedralen. Begründen tut er dies mit der „in Jahrhunderten gewachsene Leitkultur in Deutschland“, die ja höchst christlich ist. Dass das Christentum in unseren Landen nicht entwickelt, sondern durch Einwanderer, genauer gesagt Missionare, ins Land getragen wurde, ist ihm dabei wohl entfallen, wenn er sich denn überhaupt mal Gedanken über dieses Thema gemacht hat.

Und allzu verteidigenswert finde ich die deutsche Leidkultur, die im Wesentlichen aus Gartenzwergen, Auto waschen, Fußball, Chauvinismus, irrationaler Angst, Führerdenken (man sagt einem im Zug auf welcher Seite man aussteigen soll), Schwarzgeldkonten, Jammern, ohne was verändern zu wollen und Konsumieren jedes Drecks, solang er nur aggressiv genug beworben wird, nicht. Das kann meinetwegen alles verschwinden, ich wäre sogar froh darüber. Manche Kulturkämpfer berufen sich ja auf klassische und verwandte Musik (Romantik, Barock, usw…), sowie werke aus alten Literarturepochen, doch ist dies kein Produkt der Gegenwart, sondern ein Relikt der Vergangenheit. Sollte es tatsächlich Betrebungen von Einwanderern geben, die altertümliche Kunst loszuwerden, was ich nicht glaube, müssten selbige schon eine Zeitmaschine besitzen. Auch dem Christentum weine ich keine Träne nach, und werde ganz bestimmt nicht auf die Straße gehen, wenn deutsche Kathedralen von doppelt so hohen Moscheen umgeben werden. Sollte unsere Gesellschaft von christlich zu muslimisch wechseln, tauschen wir halt die einen Pfaffen gegen irgendwelche anderen, damit gewinnt man nichts und verliert auch nichts. Die meisten Leute, die in eine Kirche gehen wissen ohnehin so gut wie nichts über die Religion, die sie finanzieren, da ist auch egal ob sie das Wort „Gott“ nun deutsch oder arabisch aussprechen.

Ach, es geht gar nicht um spießige Sitten und neue Namen derselben Sache? Sondern um die „Werte“ unserer Kultur? Die sind doch wirklich nichts wert. Mit Kadavergehorsam, Fremdenfeindlichkeit, Vorurteilen, Sozialdarwinismus, irrationaler Angst, rücksichtslosem, parasitärem Egoismus und Prüderie (denn dies ist das Fundament des menschlichen Miteinanders in unserer Gesellschaft) haben wir uns schon so oft selbst ein Bein gestellt, sind so oft aufs Gesicht gefallen, weil wir gedankenlos irgendwelchen „Werten“ gefolgt sind, anstatt das eigene Oberstübchen anzuwerfen und selbstverantwortlich zu handeln; stattdessen beruft der deutsche Michel sich auf einen Führer (sei es eine Person, ein Gesetz, ein Wert, eine fiktive Figur oder sonstwas), der die Entscheidung treffe, die Michel ja nur ausführe.

Wer nun einwenden mag, dass die Menschenrechte und die Demokratie schützenswert seien, der hat Recht, zumindest so lange nichts besseres in Sicht ist. Das hat aber nichts mit deutscher Leitkultur, Islam oder Christentum zu tun. Die Bedrohung für Menschenrechte und Demokratie sitzt im deutschen Parlament, nicht in der Moschee. Und dass sich die Idee der Menschenrechte und Demokratie gerade in unseren Breiten entwickelt hat beziehungsweise wiederentdeckt wurde, haben wir nicht dem Christentum zu verdanken, dass sich nur zu gern gegen eine neue Gesellschaft ausspricht und auch damals schon auf die „alten Werte“ setzte. Zwar gibt sich der Klerus gerne als Brutstätte sozialer Errungenschaften aus und verweist auf die Nächstenliebe, die die christliche Kirche erfunden haben will, doch das hat sie nicht. Nächstenliebe, Solidarität, das Schützen schwacher Mitglieder der Gemeinschaft, hat sich in fast allen Kulturen der Weltgeschichte entwickelt, daher auch bei uns. Die Kirche hat sich einfach nur als Urheberin dieser Ideen, die schon als Triebe im menschlichen Seelenleben verwurzelt sind, ausgegeben. Trittbrettfahren kann doch jede andere Religion auch.

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