Notwehr? – Nachtrag

In den Odenwald Geschichten findet sich eine lesenswerte Zusammenstellung verschiedener Informationen bezüglich der Geschichte des erschossenen psychisch Kranken in Heppenheim vom 24. Dabei stellen sich einige Aspekte dieser Geschichte heraus, die ein schlechtes Licht auf die Sicherheitslage in Deutschland werfen:

Der Mann wurde anscheinend von mehreren Kugeln (variiert je Quelle, bis zu 12) aus mindestens zwei verschiedenen Waffen getroffen. Die übliche Erklärung des „gelösten Schusses“, die grundsätzlich angeführt wirdm, wenn jemand durch polizielichen Gewalteinsatz zu Tode kommt, wirkt also nicht. Die tat als ein Versehen hinzustellen, wird aber trotzdem versucht. Laut ermittelnder Staatsanwaltschaft seien einer oder mehrere Schüsse vom Oberarm in den Brustbereich gelangt.

Die Schussbahnen sprächen dafür, dass die Polizisten den Mann kampfunfähig machen wollten, sagte der Justizsprecher ohne genauere Kenntnis der übrigen Ermittlungsakten.

Eine solche Flugbahn wäre (vor allem bei mehreren Kugeln) äußerst unwahrscheinlich. Es drängt sich eher das Bild auf, der Mann hätte die Arme vor dem Oberkörper gehalten und das SEK auf den Oberkörper gezielt hatte. Zumal es Lehrmeinung der Polizei ist, auf den Oberkörper zu schießen, wenn man mit einem Messer angegriffen wird.

Der „Frankfurter Neuen Presse“ zufolge soll die Polizei zuerst versucht haben, den Menschen mit einem Elektroschocker (dem berüchtigten „Taser“) außer Gefecht zu setzen, was jedoch ergebnislos blieb. Das klingt ziemlich unglaubwürdig, es sei denn die Beamten hätten ihr Ziel verfehlt. Dies ist jedoch ausgeschlossen, da zwei Elektroden in Oberschenkel und Oberkörper des Mannes gefunden worden seien. Die Staatsanwaltschaft vermutet, es läge an der Körperfüle des 120 Kilogramm schweren Mannes. Allerdings kann man dies als blanken Unfug werten, da die Körperstatur wenig bis gar keinen Einfluß auf die Empfindlichkeit gegenüber elektrischer Spannung hat.

Ein solches Verhalten ist übrigens kein Einzelfall, sondern (wie auch der Überfall des SEK in Bayern) Standard, geht man davon aus, dass die Beamten die vom Pressesprecher des Hessischen Landeskriminalamtes Udo Bühler hervorgehobene Schulung für solche Situationen nicht völlig vergessen haben. Einähnlicher Fall findet sich übrigens auch im Beitrag der Odenwald Geschichten:

Ein trunkener Mann ist in der Bahn unterwegs und hat in einer Plastiktüte ein kleines Messer dabei. Modell “Schweizer Taschenmesser” , Klinge etwa 7-8 cm.
Die Strassenbahn wird angehalten , es kommen 3 Streifenwagen mit je 2 Beamten und holen den betrunkenen Mann raus aus der Bahn. Die Beamten haben Westen an, Schlagstöcke in den Händen und 2 haben Pfefferspay in der Hand und 2 der Beamten haben eine gezogene und entsicherte Schusswaffe auf den Mann gerichtet.
Nachdem der trunkene Mann , der weder aufrecht stehen noch geradeaus gehen kann, die Ladung Pfefferspray direkt in die Augen bekommen hat, versucht er sich instiktiv zu wehren und fuchtelt etwas mit dem Messer rum. Einer der Beamten fühlt sich bedroht und schiesst dem Mann aus 3 Metern direkt in die Brust. Natürlich ist der Mann sofort verstorben.

Jedes Mal, wenn ich solche Meldungen lese, verliere ich ein Stück weiter das (sowieso kaum vorhandene) Vertrauen darin, dass mich Polizisten schützen wollen, und die Angst, Opfer eines solchen Vorfalls zu werden, wächst. Es fällt schon schwer (um nicht zu sagen es wäre gelogen), einen Staat, in dem das staatliche Gewaltmonopol Angst verbreitet und „versehentlich“ (eher aus fehlendem Respekt vor Menschenleben) Tote fordert, nicht als Polizeistaat zu bezeichnen.

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