Spitzel gesucht

Die Meldung ist zwar alles andere als aktuell, aber in der Hoffung mich wieder zu regelmäßigem Schreiben aufraffen zu können, bringe ich sie dennoch. Niedersachsens Innenminister Schünemann, bekannt für seinen offenen Rassismus und seiner Verachtung für Privatsphäre, möchte nun auf Denunziation zur „Terrorabwehr“ setzen:

Wegen der Terrordrohungen von Islamisten hat der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) die Bevölkerung zu „erhöhter Wachsamkeit“ aufgerufen. Der CDU-Politiker sagte am Montag in Hannover, angesichts der „neuen Qualität“ der Bedrohung müssten die Menschen vermehrt auf „Radikalisierungen“ achten. „Wenn sie etwas sehen, sollten sie das nicht in ihrem Herzen behalten, sondern das auch mitteilen“, sagte er. Die Behörden sollten umgehend informiert werden.

Klingt auf den ersten Blick gar nicht gefährlich. Abdul al-Radikal fängt an, sich komisch und abweisend zu verhalten, spricht kaum noch mit seinen Nachbarn, verkriecht sich sogar immer häufiger in seinem Keller und Michel D. Spitzel bemerkt’s und warnt die Behörden, die dann rechtzeitig kommen, um Abdul die Bomben zu entreißen, die er in seinem Keller fertiggestellt hat. Oder war Abdul vielleicht gar kein Bombenbastler, sondern litt unter einer Depression und ging in seinem Keller einem Hobby nach, das für ihn der Fluchtpunkt aus der Realität ist, die ihn so sehr quält? Es gibt in dieser Gesellschaft deutlich mehr Depressive als anschlagswütige Fundamentalisten, insofern ist das zweite Szenario wahrscheinlicher. Ein Hausdurchsuchung ist genau das, was man braucht, wenn man sein Leben sowieso kaum noch ertragen kann…

Bedenkt nur mal kurz, wie viel der durchschnittliche Deutsche über den muslimischen Glauben weiß, dann sieht die Sache noch deutlich schlimmer aus. Woher erkennt man eigentlich eine Radikalisierung, insbesondere, wenn das einzige Bild radikaler Islamisten, das die Medien liefern, das von vermummten Gestalten ist, die auf Straßen rumprozessieren und mit Kalaschnikows in die Luft ballern? Die meisten, wenn nicht alle, die Schünemanns Aufruf für voll nehmen, werden nach Dingen Auschau halten, die ihnen auffallen und das kann jedes Verhalten sein, das sie nicht gewohnt sind. Einschließlich und insbesondere das Verhalten einer anderen Kultur und Menschen, die Probleme damit haben ihr eigenes Seelenleben zu balancieren.  Da Moslems in Niedersachsen sowieso unter Genralverdacht stehen und in Deutschland eine Hausdurchsuchung schon bei Gerüchten und Hörensagen durchgeführt wird, steht zu befürchten, dass einer Großzahl von Muslimen die ganz und gar nicht angenehme Erfahrung einer durchsuchten Wohnung bevor steht, wenn sich jemand tatsächlich an der „erhöhten Wachsamkeit“ beteiligt. Hoffen wir besser auf die Faulheit der deutschen Bevölkerung, sie wird Depressiven oder Muslimen eine Menge Leid ersparen.

Schünemanns Begründung für seine Schnapsidee ist ebenfalls reinster Bullshit, und alter dazu. Er faselt die altbekannte Leier von Drohvideos im Internet, die irgendwie im Zusammenhang mit der Bundestagswahl stehen (ja, innerdeutsche Politik ist ein so entscheidender Faktor, wenn man etwas in die Luft jagen will), aber konkrete Hinweise gibt es natürlich nicht. Die wird es auch nie geben, sonst könnte man die Drohkulisse des „Wir wissen nicht wann, aber irgendwann wird es einen Anschlag geben, irgendwann!“ nicht so leicht aufrechterhalten, da eine verschwommene Bedrohung schwieriger wahrzunehmen und abschätzen, somit unberechenbarer und damit furchterregender ist. Panikmache, nichts als Panikmache.

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5 Antworten to “Spitzel gesucht”

  1. dauni Says:

    Reicht es schon, wenn jemand schmuddelig aussieht und einen Drei-Tage-Bart hat. Dann muss der Schünemann, ich finde, der Name Abdul al-Radikal passt auch hervorragend auf ihn, ganz höllisch aufpassen.

  2. DerTotengraeber Says:

    Hey schön, dass du wieder schreibst, hab deine Artikel vermisst!

    Dazu möchte ich noch an zwei Sachen erinnern:

    DDR

    Feindbild in der Nationalsozialistischen Zeit

    Tjaja, was neues hat die Geschichte derzeit nicht zu bieten. Weiß nur noch nicht welches der Szenarien darauß wird…

  3. kurokasai Says:

    Die Assoziation mit der DDR, dem Vorgehen der Stasi genauer ausgedrückt, lag auch mir sofort sehr nahe, und ich wollte den Artikel zuerst auch „IMs gesucht“ nennen, entschied mich aber dagegen, um bei meiner Rückkehr nicht gleich wieder mit dem Holzhammer draufloszuschlagen.

    @dauni: Ich befürchte ja, dass so mancher Spießbürger dem „Gesindel“ von nebenan die Gelegenheit nutzt, um dem unliebsamen Nachbarn mal die Polizei auf den Hals zu jagen…

  4. Weitere Grundgesetzänderung? « Urs1798’s Weblog Says:

    […] nicht sein, dass eine Demokratie diejenigen alimentiert, die ihre Abschaffung betreiben“ soll der niedersächsische Politiker Uwe Schünemann gesagt haben. Stimmt, wer eine Grundgesetzänderung verlangt, sollte wirklich nicht […]

  5. Steven Black Says:

    Schön gesprochen, gut gesprochen .. und traurigerweise wird genau diese Mentalität, die übrigens Weltweit vorhanden ist, nicht nur in Europa – gezielt angesprochen. „Die“ wissen ganz genau, das man sich auf Denunziantentum verlassen kann ..

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